Ist "Ringel, Ringel, Reihe" wirklich ein Pest-Lied – oder nur ein Mythos?
Hans D. FinkeIst "Ringel, Ringel, Reihe" wirklich ein Pest-Lied – oder nur ein Mythos?
Der Kinderreim „Ringel, Ringel, Reihe“ wird seit langem mit der Großen Pest von London in Verbindung gebracht. Viele glauben, dass seine Zeilen die Symptome der Pest und den Tod beschreiben. Doch diese Theorie stützt sich auf keine belastbaren Beweise und könnte ein moderner Mythos sein.
Erstmals schriftlich erwähnt wurde der Reim 1881 in England – was seine angeblich fünfhundertjährige mündliche Überlieferung unwahrscheinlich macht. Der Bezug zur Pest wurde erst 1961 hergestellt, Jahrzehnte nach seiner ersten Veröffentlichung.
Es existieren verschiedene Versionen des Reims mit abweichenden Texten, was seinen Ursprung und seine wahre Bedeutung schwer fassbar macht. Manche deuten Rosen, Blumensträuße, Niesen und Hinfallen als verklausulierte Anspielungen auf die Pest. Andere argumentieren, es handele sich schlicht um ein spielerisches Kinderlied.
Auch der historische Kontext spricht gegen die Pest-Theorie: Nach dem Ende der römischen Herrschaft war die Feuerbestattung in England verboten, was die Deutung der „Asche“ unwahrscheinlich macht. Die plausibelste Erklärung ist, dass der Reim als Sing- und Bewegungsspiel für Jugendliche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Deutschland entstand.
Wahrscheinlich begann der Reim als harmloses Kinderspiel. Seine düstere Verbindung zur Pest bleibt unbelegt. Ohne handfeste Beweise bleibt die Theorie spekulativ – und keine gesicherte Tatsache.
