19 December 2025, 16:03

Die Wahrheit

Ein geschmückter Weihnachtsbaum mit Statuen von Menschen auf einem darunter platzierten Tisch.

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Alljährlich in Bayern: Vor Weihnachten allgegenwärtig ist das Gedicht „Heilige Nacht“ des noch immer beliebten Antisemiten Ludwig Thoma.

  1. Dezember 2025, 23:06 Uhr

Unterhaltung, Popkultur

Eine langjährige bayerische Weihnachtstradition gerät wegen ihrer umstrittenen Ursprünge erneut in die Kritik. Seit über 25 Jahren trägt der Schauspieler Enrico de Paruta das Gedicht „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma in München, Ingolstadt und Regensburg vor – doch Thomass antisemitisches Erbe sorgt Jahr für Jahr für Debatten in der Region.

Ludwig Thomass „Heilige Nacht“ bleibt ein fester Bestandteil der bayerischen Festtagskultur. Als humorvolle Interpretation von Maria und Josefs Suche nach einer Herberge verfasst, enthält es Zeilen wie „Im Wald is so staad / Alle Weg san vawaht / Alle Weg san vaschniebn / Is koa Steigl net bliebn“. Doch trotz seiner Beliebtheit ist Thomass Vermächtnis von seinen antisemitischen Artikeln überschattet, die er zu Lebzeiten im „Miesbacher Anzeiger“ veröffentlichte.

Versuche, die Ehrungen für Thoma neu zu bewerten, stoßen auf Widerstand. 2016 schlugen Kommunalpolitiker in Kißlegg vor, Straßen und Schulen umzubenennen, die seinen Namen tragen – mit Verweis auf seine antisemitischen Ansichten. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter lehnte solche Änderungen jedoch kategorisch ab: „Solange ich Oberbürgermeister bin, wird das nicht passieren“, erklärte er und blockierte damit Forderungen nach einer Umbenennung der Münchner Ludwig-Thoma-Straße. Die Spaltung bleibt bestehen, während Thomass Werk im öffentlichen Leben präsent ist. In Oberbayern tragen noch immer Straßen und Schulen seinen Namen, obwohl seine Schriften weiterhin umstritten sind. De Parutas jährliche Aufführungen sichern dem Gedicht seinen Platz in den bayerischen Weihnachtsbräuchen – und halten die Debatte am Leben.

Die Rezitationen des Gedichts und die öffentlichen Ehrungen für Thoma zeigen keine Anzeichen eines Rückgangs, trotz anhaltender Kritik. Die Haltung der lokalen Verantwortlichen bleibt gespalten: Einige fordern eine Neubewertung, andere verteidigen den Status quo. Vorerst bleibt „Heilige Nacht“ Teil der bayerischen Festtagstradition – zusammen mit den ungelösten Fragen nach dem Erbe seines Autors.