"Salome" von Evgeny Titov: Ubiquität des Verlangens
"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren
Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Deutung von Richard Strauss’ „Salome“ – gesangsfreundlich inszeniert.
Eine mutige Neuinszenierung von Salome hat an der Komischen Oper Berlin Premiere gefeiert. Unter der Regie von Evgeny Titov wurde die Produktion am 22. November 2025 uraufgeführt und bietet einen frischen Blick auf Richard Strauss’ skandalumwitterte Oper von 1900, die einst in Wien verboten war. Nun kehrt das Werk unter einer historischen Auflage von Kaiser Wilhelm II. nach Berlin zurück: Im Finale muss der Stern von Bethlehem erscheinen.
Titovs Interpretation vermeidet Dunkeldeutigkeit und lotet stattdessen das Thema unerfüllter Begierde aus. Die Figuren der Oper klammern sich an andere, die sich ihnen entziehen – eine Spannung, die sich durch das gesamte Stück zieht. Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus zeigt einen kargen, matt-goldenen Gewölberaum, bewusst entledigt der sinnlichen Pracht, die oft mit der Geschichte assoziiert wird.
Die von BDSM inspirierte Hofästhetik prägt die frühen Szenen, verblasst jedoch an entscheidenden Momenten und hinterlässt so manche Ungereimtheit. Salomes berüchtigter Tanz wird mit mehreren maskierten Tänzer:innen neu interpretiert – Herod wird mit Illusionen statt mit Realität konfrontiert. Matthias Wohlbrechts Darstellung des Herodes sticht heraus: Seine scharfen, schneidenden Gesangspartien unterstreichen die Furcht und Grausamkeit des Herrschers. Nicole Chevalier übernimmt die anspruchsvolle Titelrolle und meistert Strauss’ überwältigende Orchestrierung, während sie in einer beengenden weißen Kapuze agiert. Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Inszenierung packend und balanciert zwischen Schock und Zurückhaltung.
Die Salome der Komischen Oper ist noch an drei weiteren Terminen zu sehen: am 7., 12. und 18. Dezember. Titovs Regie liefert eine respektvolle, doch provokante Version der Oper, die ihren skandalösen Ursprüngen treu bleibt. Die visuellen und vokalen Entscheidungen der Inszenierung sorgen dafür, dass sie einen bleibenden Eindruck hinterlässt.